Gewohnheit

Es war nie wichtiger, seine Lesegewohnheiten zu ändern, als dies heute der Fall ist. Zwar hat die Höhenkammliteratur nie etwas anderes getan, als die Form und das Verhältnis zur Sprache in abstraktes Terrain zu führen, die Erzählverweigerung aber, die daraus resultierte, brachte kein wirklich gutes Ergebnis. Es sollte darum gehen, Erzählformen zu finden, die mit dem Überkommenen brechen, die aber niemals das Erzählenmüssen der Menschheit torpetieren. So kann eine Geschichte, die nirgends hinführt, das Scheitern einer Lebensprognose viel besser aufzeigen als die plakative Verweigerung. Ein Text kann nicht abgeschlossen sein, so etwas ist unmöglich. Aber wenn er existiert, hat er etwas zu erzählen, und wenn es seine Entstehung ist.

2 Kommentare:

  1. Vielleicht ist die Höhenkammliteratur ja gerade aus dem (kläglich gescheiterten) Versuch entstanden, mit dem Überkommenen zu brechen. Damit der Versuch überhaupt gelingen kann, muss das Überkommene beherrscht werden. Man muss die Mittel der alten Meister kennen, will man als Zwerg sich auf ihre Schultern stellen. (Dafür bist Du ja ein Paradebeispiel, der die Romantik lebt und den Surrealismus kennst, und daraus Dein ganz Eigenes machst.)
    Ich, für meinen Teil, sehe mich noch immer meinen grossen Vorbildern wie Cortázar oder Calvino am Rockzipfel hängen. Meine derzeitigen Versuche sind nichts anderes als Exerzitien, die Bemühung, an ihnen zu meiner eigenen Grösse zu finden, auch wenn ich dabei immer wieder vor ihnen in die Knie gehe.

    AntwortenLöschen
  2. Wir brauchen ja diese klassische (und alchimistische) Variante : Meister/Schüler. Alles Lernen ist Nachahmen. In meiner frühesten Jugend brachen Goethe und Poe in mein Leben - dieses unbegreifliche, was da auf Papier stand, das ich nicht begreifen konnte, das aber ein Gefühl hinterliess, als ob man einen Nachttraum in den Tag hineinnimmt. Man erinnert sich nicht an den Traum, aber etwas rührt sich in den tiefen Gestaden, in den psychischen Eingeweiden. Noch steht man ausserhalb, aber eines Tages regt sich das eigentliche Organ des Sehens (und das sind nunmal nicht die Augen). Da spaltet sich die ganze Menschheit augenblicklich. Es gibt jene, die mit den Augen sehen und jene, die mit der Sprache sehen.

    AntwortenLöschen